Cra­zy Dog ist still ali­ve – ein Rei­se­be­richt

Eine Stra­ße mit Bus­war­te­häus­chen, im „häss­li­chen Bezirk Strass­gang“. Die Tafel mit den Abfahr­ten ist unvoll­stän­dig, auf mei­ne has­tig gemur­mel­te Fra­ge bekom­me ich Nicken zur Ant­wort: Zagreb, da,  ja. 
Die Bank ist kalt, die Fin­ger, die den E‑Reader hal­ten, klamm, ich schie­be mir die Hau­be unter den Hin­tern. So sit­ze ich und den­ke an Gral­la, den Park­platz, auf dem wir uns immer tra­fen, den Kaf­fee, den wir zu sie­bent tran­ken, und dar­an, dass die­ses Jahr alles anders sein wird. Den­ke an I., die mich vori­ges Jahr mit dem Auto abge­holt hat, dies­mal allein, und dar­an, dass wir alle nicht wis­sen, was kommt. Älter wer­den heißt, dass Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten zu brö­ckeln begin­nen. …
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Bil­lig­con­tent Blues

Ich schaue mei­nem Mann ins Gesicht. Sei­ne Augen sind geschlos­sen, wir lie­gen im Bett, es ist kurz nach halb sie­ben. 
„Immer das­sel­be, lang­wei­li­ge Ritu­al“, sagt er, als er die Augen auf­schlägt. „Auf­ste­hen, Kaf­fee­ma­schi­ne ein­schal­ten, Zäh­ne put­zen, Käse­brot essen, aufs Klo gehen, duschen, anzie­hen und in die Schu­he schlüp­fen.“
„Ich schlüp­fe mor­gens nie in die Schu­he“, sage ich. 
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Maes­to­so

Köf­lach. Dass dort der Vater ihrer Groß­cou­si­ne leb­te, denkt sie. Sie kann­te nur den Namen des Orts, nicht den Mann, und immer dach­te sie dabei an den eige­nen Vater und dass es zu sei­nem Auf­ent­halts­ort kei­nen Namen gab, kein Wis­sen. Jetzt ist auch Köf­lach kein Ort mehr. Die Schau­fens­ter fast alle leer, nur in einem sieht sie schmut­zi­ge Perch­ten-Mas­ken (Lager des Schre­ckens). Sie fragt sich, wo die Men­schen hier ein­kau­fen, die Schu­he, die Nacht­hem­den, dass es irgend­wo ein Ein­kaufs­zen­trum geben muss, viel­leicht aber wird Köf­lach auch DHL-fern­ver­sorgt.
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“Hül­le & Fül­le” — Edi­to­ri­al

Wir haben alles. Wir jam­mern auf hohem Niveau. Wir tun uns leid, wenn das Manu­skript nicht ange­nom­men wird, wenn es kei­ne Lobes­hym­nen reg­net. 95% der­je­ni­gen, die unse­re Lite­ra­tur­zeit­schrift lesen, sind wahr­schein­lich Autor*innen. 80% von ihnen geht es viel­leicht wie mir – sie ver­fal­len in Selbst­mit­leid, wenn es mal nicht so klappt. Viel­leicht ken­nen 40% das Leben unter dem (von ande­ren fest­ge­schrie­be­nen) Exis­tenz­mi­ni­mum. Regel­mä­ßig Café-Lat­te-Trin­ken-Gehen, ein Yoga-Zwan­zi­ger­block, genü­gend Kar­ten für die Vien­na­le, ein Thea­ter-Abo, Besu­che im Gra­zer Lite­ra­tur­haus (das im Gegen­satz zu dem in Wien Ein­tritt ver­langt) sind da ein­fach nicht drin. Egal. Es geht auch so: Den Coro­na-Still­stand wei­ter­le­ben. Den Kaf­fee vor dem Com­pu­ter trin­ken …

Die alte Simon

Er bleibt vor der Tür sei­ner Nach­ba­rin ste­hen und schaut auf das Mes­sing­schild. Im Flur riecht es nach Putz­mit­teln. Dass die­se Mit­tel in jedem Haus gleich rie­chen, denkt er, als wür­de es eine spe­zi­el­le Putz­mit­tel­mar­ke für Stie­gen­häu­ser geben.
Das Licht geht aus. Er macht drei Schrit­te nach links und schal­tet es wie­der an.
Und was, wenn sie ein­fach nur ver­reist ist? Aber wohin soll­te eine alte Frau wie die Simon schon rei­sen? Nach Kana­da?
Er erin­nert sich an sei­nen Ein­zug. Wie er vor sei­ner Woh­nungs­tür gestan­den hat, mit dem Schlüs­sel in der Hand und einer blau­en Ikea-Tasche in der ande­ren.

Essay: Seid deutsch, bleibt einig!

“Seid deutsch, bleibt einig!” – an die­sem Spruch müs­sen Slowen:innen in Rad­kers­burg noch immer täg­lich vor­bei­ge­hen. Anders als in Kärn­ten gab es in der Stei­er­mark für Slowenisch:innen lan­ge Zeit kei­ne Kul­tur­ver­ei­ne und auch kei­nen slo­we­nisch­spra­chi­gen Unter­richt, auch in den Kir­chen gab es kei­ne Mes­sen in slo­we­ni­scher Spra­che. Ich habe mich mit der Kärnt­ner Slo­we­ni­en Rez­ka Kan­zi­an getrof­fen, die – gemein­sam mit Susan­ne Wein­la­ner und dem Pavel­haus – der slo­we­nisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur im Gra­zer werk­raum­thea­ter als Ers­te eine Büh­ne bot, und mich auf eine Spu­ren­su­che bege­ben.

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“VATER VON SIE­BEN”

Sie­ben Geschwis­ter sind sie gewe­sen, sag­te die Groß­mutter. Die Lore, der Otto, der Josef, den alle den Pepsch nann­ten, der Her­mann, der Lud­wig, die Meri und als Letz­te sie selbst, die Fips, eigent­lich Phil­ip­pa.
Davor gab es noch drei Kin­der, aber die gehör­ten nicht dazu, die waren vor ihrer Zeit. Die drei haben ihren ers­ten Geburts­tag nicht erlebt, das eine kam 1914 tot zur Welt, das zwei­te wur­de kei­ne Woche alt und das drit­te (auch schon ein Josef, so steht es auf dem Grab­stein) starb mit nur neun Mona­ten an der Grip­pe, zwei Wochen bevor der Urgroß­va­ter aus dem Gro­ßen Krieg heim­kehr­te. 

Pup­pen­heim, rosa­rot

Du lebst in einem Pup­pen­zim­mer. Du hast ein Bett, deckst dich mit zwei Decken zu. Am Abend lehnst du dich gegen die Rücken­leh­ne und ver­steckst dich in einer frem­den Welt zwi­schen Papier­sei­ten. Wan­derst durch Leben, die nicht dei­ne Leben sind, lebst Gefüh­le, die nicht dei­ne Gefüh­le sind.

Zuerst kamen sie und zerr­ten an den Gar­di­nen. Dräng­ten gegen Türen und Fens­ter­lä­den. (Siehst du, Oma, was brin­gen schon Fens­ter­lä­den, wenn die Welt vor dei­nem Haus steht?) Durch alle Öff­nun­gen kro­chen sie, fau­lig war ihr Atem, abge­ris­sen stan­den sie vor mir, zeig­ten auf ihre Beu­len und Schürf­wun­den, hiel­ten mir ihre Zahn­lü­cken ent­ge­gen.
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“Mond, Ster­ne und dazwi­schen wir” – Die Antho­lo­gie ist da!

Leon kämpf­te sich durch den Schnee. Am Vor­abend hat­te der Win­ter die Stadt ein­ge­nom­men, seit­dem lag auf den Geh­stei­gen ein dicker, wei­ßer, knir­schen­der Tep­pich.
Wäh­rend sich sei­ne Bei­ne vor­wärts­kämpf­ten, frag­te er sich Leon, wie ihn sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den nen­nen wür­den, wenn er nicht Anders hie­ße. Sein Freund Paul hat­te es auch nicht leicht. Weil er Spatz­in­ger hieß, wur­de er von allen aus­ge­lacht. 
»Paul, dein Spat­zi hängt raus!«, rief Finn ihm stän­dig nach.
Pauls Spat­zi hing natür­lich nicht raus. Paul wur­de ein­fach nur so gemobbt, ohne Grund. Vor allem Finn und Sophie mach­te es Spaß, ihn zu quä­len.

Kurz­kri­mi für die Antho­lo­gie “Radies­chen von unten” von Rot­raud Schö­berl (Hg.)

Alle sind sie gekom­men. Fein her­aus­ge­putzt, Schu­he poliert, Blick nach unten. Die arme Ber­ta, sagen sie. So eine gute See­le und so ein häss­li­ches Ende. Und was jetzt wohl wird, aus der Tru­di und dem Mar­tin, jetzt, da die Ber­ta nicht mehr für sie sor­gen kann. Wo doch die Tru­di nicht ein­mal mehr ihr eige­nes Spie­gel­bild erkennt.
Ich ste­he im Novem­ber­re­gen. Nicke nach links, nicke nach rechts. Den­ke: In ein Zim­mer wird man sie schie­ben. Die Tru­di in eines mit Bett und Schna­bel­hä­ferl und den Mar­tin …

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Pro­jekt Homeage — Schrei­ben wie … Adal­bert Stif­ter

Mein Vater bewohn­te eine mit­tel­gro­ße Woh­nung in einer gro­ßen Gemein­de­bau­an­la­ge am Ost­rand der Stadt. Im Erd­ge­schoß des Gebäu­des befan­den sich außer einer klei­nen Super­markt­fi­lia­le noch ein Blu­men­ge­schäft, ein Tabak­la­den, ein Kaf­fee­haus, eine Schnaps­bar, eine Nacht­bar sowie eine Poli­zei­sta­ti­on.

Im ach­ten Stock­werk wohn­te neben der Fami­lie mei­nes Vaters ein Ehe­paar, wel­ches die acht­zig seit eini­ger Zeit über­schrit­ten hat­te. Der Mann, der auf­grund sei­ner schwe­ren Krank­heit im Bet­te lag, war­te­te tag­ein, tag­aus auf den Tod, wäh­rend sei­ne Frau ob der Tris­tesse ihrer Umge­bung oft in Ein­sam­keit ver­sank, wes­we­gen die Frau mei­nes Vaters sie manch­mal zu einer Tas­se Kaf­fee ein­lud.

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2. Platz beim Ser­vus Kri­mi Wett­be­werb

Das Gesicht liegt im Schat­ten, des­we­gen kann Süß­kind sein Gegen­über nicht sehen. Aber hören kann er den Mann, dazu ist so eine Vor­rich­tung ja gedacht, zum Hören, und hören, das tut Süß­kind, von wei­chem Fleisch und süßem Atem, von blau­en Pup­pen­au­gen unter nas­sen Wim­pern und rot ange­lau­fe­nen Backen. Von Schweiß, süß­lich-sau­er wie Him­beer­saft, von stram­peln­den Bein­chen, die Minu­ten zuvor noch auf dem Fahr­rad gestram­pelt sind und nun in die Luft tre­ten. Schweiß bricht aus Süß­kinds Kör­per, kein süß­lich-sau­rer Him­beer­schweiß, son­dern herb-sau­rer Män­ner­schweiß, er tränkt das Hemd und lässt die Lip­pen sal­zig schme­cken, füh­re uns nicht in Ver­su­chung, son­dern erlö­se uns von den Bösen. Süß­kind fährt mit dem Zei­ge­fin­ger unter den Kra­gen, Luft, er bekommt kei­ne Luft, der Kehl­kopf …
zur Antho­lo­gie

Die All­wis­sen­de Daten­müll­hal­de

Ich weiß, was du tust und wie du tickst, gestand mir ein Infor­ma­tik-Freak, der mich per­sön­lich nie ken­nen­ge­lernt hat und außer­halb des Binär­sys­tems nie ken­nen­ler­nen wird. Ich weiß alles über dich, dein Leben ist eine prall gefüll­te Keks­do­se und wird durch Glas­fa­ser­ka­bel gespült, um direkt im rie­si­gen Bauch des NSA-Wals zu lan­den.

Club der Lite­ra­ten

Es geht uns gut, dort oben am Kirch­berg, aber ja, wir trin­ken Wein und sehen in die Flam­men am Grill, wir klau­ben ger­ne Wor­te, wozu sich allei­ne fer­tig machen, hier sind wir in guter Gesell­schaft, es geht uns gut, und wenn du es nicht glaubst, dann bohr dir doch ein Loch ins Kniiiii­ieeee!

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