Loft­be­zug

Wenn Tage um 4:30 begin­nen, hat man um 14:00 das Gefühl, schon unheim­lich viel geschafft zu haben. Die Autorin die­ses Blogs klopft sich nor­ma­ler­wei­se auf die Schul­ter, wenn sie sich um 9:00 mit einer Tas­se Kaf­fee vor ihr Mac­Book setzt. Muss sie auch, denn wie die meis­ten lebt sie nicht vom Schrei­ben allein. Das ist so ein Irr­glau­be: Du schreibst einen Roman, ein Ver­lag fin­det ihn gut und schon ist das Häus­chen am Meer samt mecha­ni­scher Schreib­ma­schi­ne nicht weit. Weit gefehlt, wie die meis­ten „frei­en“ Schrift­stel­le­rIn­nen erkämp­fe ich mir mei­ne Schreib­zeit zwi­schen Büro­zei­ten, ehren­amt­li­cher Tätig­keit und selb­stän­di­ger Tätig­keit.
Auf­ent­halts­sti­pen­di­en und Büro­zei­ten mögen sich bekannt­lich nicht.

Dass ich auch ger­ne mal nach Sylt wür­de, habe ich mei­nem Chef vor einem Jahr ver­ra­ten. „War­um bewer­ben Sie sich nicht?“, hat er mich auf­ge­for­dert. „Wenn Sie mir 3 Mona­te frei­ge­ben, mach ich’s sofort!“, war mei­ne Ant­wort, aber die hat ihm dann natür­lich nicht gefal­len.
Man muss dazu sagen: Mein Chef ist alles ande­re als bös­ar­tig, aber unse­re Tätig­kei­ten sind nun mal so gela­gert, dass wir bei­de von­ein­an­der abhän­gig sind. Ich von ihm finan­zi­ell, er von mir, weil ich sei­ne Ter­mi­ne koor­di­nie­re und ihm den Rücken frei­hal­te. Denn die Schrei­be­rin die­ses Blogs ist nicht Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin für Ger­ma­nis­tik oder Sprach­wis­sen­schaft, schon gar nicht ist sie Quan­ten­phy­si­ke­rin. Sie ist Sprech­stun­den­hil­fe in einer HNO-Ordi­na­ti­on. Was natür­lich auch heißt: Sie wird die nächs­ten 3 Mona­te pen­deln müs­sen. Als Autorin hat man die Mög­lich­keit, im Zug sei­nen Lap­top auf­zu­klap­pen. Auf der Ste­cke Wien-Vil­lach gibt es W‑Lan, die ÖBB-Sit­ze ver­fü­gen über inte­grier­te Steck­do­sen. Das Arbei­ten im Zug ist ein inten­si­ve­res als das am Schreib­tisch, denn man rennt dazwi­schen nicht in die Küche, um den Abwasch zu erle­di­gen.

In Juden­burg hat man die Mög­lich­keit, in den Wald zu sprin­gen und den Kopf frei zu bekom­men. Das Zir­ben­land ist schon was ande­res als der Wie­ner Wald oder gar der Grü­ne Pra­ter. Danach setzt man sich an den Tisch im Ate­lier ode­ran den Tisch in der Küche mit Blick aufs Stahl­werk, spä­ter im Jahr wird es der Tisch auf der Ter­ras­se sein. Bei mir wir dal­les ein wenig kom­pri­mier­ter ablau­fen. Die Zeit rennt mir schon jetzt davon. Die Spa­zier­gän­ge wer­den Spa­zier­gän­ge­blei­ben, die Zir­ben möch­te ich im Som­mer den­noch rie­chen. Schi­cke ich halt mei­ne Prot­ago­nis­tin in den Wald, dann nennt man das Recher­che.

Das Loft ist wun­der­bar – nur ein wenig kalt ist es noch. Ich bin ver­wöhn­te Wie­ne­rin, Neu­bau, star­ke Heiz­kör­per, 24 Grad. Heu­te sit­ze ich mit 2 dicken Wes­ten am Lap­top und über­le­ge, mir die Dau­nen­ja­cke auch noch anzu­zie­hen. Die ande­ren sind noch nicht da, kom­men erst. Kei­ner klopft an die Ver­bin­dungs­tür. Vom Ate­lier zieht es kalt her­auf. Es ist ruhig. Jetzt hat der Regen nach­ge­las­sen. Tag eins. Mor­gen kom­men mei­ne Kol­le­gIn­nen von GRAU­KO. Gemein­sam­wer­den wir einen Baum aus­su­chen. Wer­den die Lite­ra­tur­baum-Lesung, die wir nicht Mai­baum­le­sung nen­nen wollen(das könn­te hier zu Ver­wir­run­gen füh­ren), pla­nen. Ein öffent­li­cher Baum soll­te es sein, sag­te Sibyl­le zu mir. Aus ihr­er­Re­de hör­te ich her­aus, dass man die öffent­li­chen Stra­ßen und die pri­va­ten nicht so leicht wird von­ein­an­der unter­schei­den kön­nen. Wir wer­den uns sicher­heits­hal­ber 2–3 Bäu­me aus­su­chen. Und hof­fen, dass wir einen von ihnen­in einem Monat beschmü­cken dür­fen. Mit Lite­ra­tur. Die dann hof­fent­lich nicht der Regen weg­wäscht.