Zim­mer am Meer

Vorgestern Nacht, in meinem Zimmer am Meer,
besuchte mich ein Wal.
Der war ganz dick und auch ganz schwer
und trug einen gelben Schal.

Gestern Nacht, in meinem Zimmer am Meer,
lag im Bett eine Seeschlange drin.
Die wand sich hin und wand sich her
und sagte: „Ich heiße Nadine.“

Heute Nacht, in meinem Zimmer am Meer,
da will ich alleine sein.
Drum hab ich ein Netz ins Fenster gespannt,
nicht mal ne Mücke fliegt jetzt herein.

Lock­down Minia­tur #22

Freund*innen schicken mir Links zu prämierten Filmen, die man jetzt gratis streamen kann.  Via Facebook werde ich auf mindestens 5 verschiedene Onlinelesungen pro Tag hingewiesen, in den Laptops der anderen entstehen neue Romane, meine Verwandten nützen die Gelegenheit, sortieren die Bücher in ihren Buchregalen und züchten Tomaten.
Meine Pflanzen hingegen krepieren. 
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Lock­down Minia­tur #21

Trump
schlägt erneut eine Impfung
mit Desinfektionsmitteln vor.

Ich muss an M. denken,
die aufgrund ihrer Krebserkrankung
alles zu Hause hätte, um sofort
zum Selbstversuch zu schreiten 
und frage mich,
wie viele Amerikaner*innen
heute Abend tot
in ihren Badezimmern 
liegen werden. 

Lock­down Minia­tur #20

Wenn die Handschrift
des Versicherungsvertreters
zu Tränen rührt ...

Vielleicht lässt Corona doch
mehr Nähe zu
als wir gewöhnt sind.

Lock­down Minia­tur #19

K. sagt, dass L. behauptet hat, man hätte das Virus künstlich erzeugt – weil es zu viele Menschen gibt.
Ich frage mich, wie das mit den Chemtrails ist. Haben die versagt? Gibt es deswegen keine weißen Streifen mehr am Himmel? Weil man jetzt das Virus hat?
Ich will, dass K. bei L. nachfragt.
Überhaupt habe ich ziemlich viele Fragen an L.
Seitdem mir die Pressestunde keinen Kitzel mehr beschert, brauche ich L. für mein tägliches Amusement. K. aber macht mir einen Strich durch die Rechnung, er will sich nicht mehr mit L. auseinandersetzen, meint er, such dir deine Ablenkung anderswo!

Lock­down Minia­tur #18

Ich gehe auf die Seite der Onleihe
und lade mir sieben Bücher runter.
Auf unserem Putzbalkon
steht mein Lesestuhl.
Auf unserem Putzbalkon
scheint die Sonne, jeden Tag von 3 bis 6.
Putzen sollte ich auch.
Aber Putzen kann ich morgen auch noch. 

Lock­down Minia­tur #17

Jetzt bin ich seit fast vier Monaten kaum noch außer Haus gegangen. Oder sagen wir so: In letzter Zeit geh ich sogar brav. Jeden Tag eine Runde, wenn nicht durch den Wald, dann ist es der übliche Weg: an Magnolienbäumen, polierten SUVs und Zäunen vorbei (white picket fences und so), irgendwo zwischen Straßganger Kirche und Schloss St Martin müssen Sie sich das als Grazer*in vorstellen. Unsere tägliche Auslaufrunde beginnt zu nerven. So muss sich Bello fühlen, denke ich, immer an der gleichen Hundescheiße vorbei. Am Gartenzaun Nummer soundso stehen Menschen bei Musik und Bier und Gelächter. Sie tun das jeden Tag, ohne den befohlenen Meter Abstand. Gegenüber schraubt einer Sommerreifen auf PKWs, er hat in seiner Garage zwei Hebebühnen.
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Lock­down Minia­tur #16

auf facebook

wird wieder gestritten

die toten

werden zur masse

die freiheit

des einzelnen

zum mordinstrument.

Lock­down Minia­tur #15

Heute kam ein Päckchen vom Verlag:

Schob sich von rechts in meinen Türrahmen.

Der Postbote

– eine ganze Armlänge entfernt –

murmelte durch ein schwarzes Tuch

und floh nach links.

Lock­down Minia­tur #14

Eine Bekannte gesteht,
die Ratlosigkeit der Politiker
mache ihr Angst.
Ich hingegen würde mir
ein bisschen mehr Ratlosigkeit
wünschen.
Ein bisschen mehr
von dem guten alten
Ich weiß,
dass ich nichts weiß.
Stattdessen heißt es jetzt in Tirol:
Ich weiß nicht
dass ich jemals
was wusste.

Lock­down Minia­tur #13

Ich sehe in der Bluetooth Liste nach.
Hallo, Nachbar,
Bist du zu Hause?
Oder ist nur dein Handy da?

*

Im Mittagsjournal
erklärt man uns die neue Überwachungs-App.
Unsere Justizministerin findet das spannend

Lock­down Minia­tur #12

Auf Facebook
nähen wir Masken in Akkordarbeit
und unterrichten die Kinder von 8 bis 2.

Wir backen Brot und posten
Teigwaren in Heimarbeit
Danach gibt’s Online Yoga
Langeweile ziemt sich nicht
selbstlägrige Frauen werden bestraft

*

um 18 Uhr
versammeln wir uns an den Fenstern und
winken uns mit verhüllten Gesichtern zu.

Mein Mann ist jetzt Held auf Abruf.
Wenn man ihn an die Front holt, werde ich
auf den Balkon treten und mit
einem weißen Taschentuch winken.
Ich werde eine Schleife im Haar tragen:
Nous sommes en guerre.

In meinem Kopf werden die Bilder schwarz-weiß,
der Ton geht verloren.

Lock­down Minia­tur #11

Am Weg zum Müll sitzt ein Vogel
zwischen Glas und Beton
und findet nicht mehr zurück ins Freie.

Lock­down Minia­tur #10

In unserem Nachbarland richtet es sich der Diktator hübsch ein.
Knoblauch und Vitamin C, heißt es in Brüssel,
werden leider nicht helfen.

V. ruft an–
er wurde erfolgreich vom Asien-Urlaub rückgeholt.

Lock­down Minia­tur #9

ich schreibe
seit mehr als einem jahr
von einem mann
der sein Haus nie verlässt
nicht mal zum einkaufen.

2019 war das noch was außergewöhnliches.

wer wird meinen roman
nächstes jahr
noch lesen wollen?

Lock­down Minia­tur #8

asozial

ich will nicht klatschen
ich will euren kindern nicht per videochat zuwinken
ich will mich nicht in eurer facebookgruppe austauschen
ich will kein foto von mir teilen und zwanzig andere markieren
ich will nicht verraten, wie ich mich fit halte
ich will mich nicht mit der gitarre auf den balkon stellen
ich will mir eure bärlauchfotos nicht ansehen
ich will auch eure sms nicht lesen
ich brauche nichts,
mir geht’s gut.
mir fehlt nichts …
eure wangenküsse nicht
eure umarmungen nicht
eure kinder nicht
eure hunde nicht
eure autos nicht
ihr nicht.

die welt nicht.

Lock­down Minia­tur #7

In Ungarn
werden die letzten Reste der Demokratie zu Grabe getragen.
Vor ein paar Wochen wäre das Schlagzeile Nummer eins gewesen.

Lock­down Minia­tur #6

Durch Wien, heißt es, fährt jetzt ein Wagen, 
der die Menschen gratis mit Fendrich beschallt.
Mein Mann fände Mozart besser.

Der Nachbar gegenüber singt
pünktlich um sechs:
Love is a burning thing.
Mein Mann zeigt ihm, wie das zu klingen hat 
und dreht Johnny Cash auf.

Ich stopfe mir Silikon in die Ohren
und tue so, als wäre meine Arbeit wichtig

Lock­down Minia­tur #5

Das Erdbeben lässt die Kroatienfans kalt,
statt um die Zagreber Innenstadt zu trauern,
teilen sie Fotos von Bärlauchsträußen
und Zoom-Sceenshots ihrer Enkelkinder.

Im Fernsehen findet indes Schulfernsehen statt,
Sonntagabend, am zweiten Kanal.
Wascht euch brav die Hände, sonst ...

Die Regierung dankt allen
und macht aus uns ein Team –
Team Österreich:
Corona gegen alle
und alle (-5%) gegen Corona.

Lock­down Minia­tur #4

Wir klatschen, 
bis unsere Hände 
wund sind,
jeden Tag um 18:00,

Wenn der Held*innendienst endet,
um 19:00,
haben wir uns längst wieder 
anderen Dingen gewidmet. 

Der große Boss
wird ein bisschen jammern 
und vielleicht wird er was 
vom großen Kuchen abbekommen

(koste es, was es wolle)
Die Held*innen aber werden die Regale 
wieder allein einräumen.

Die Held*innen der Krise sind neonfarben.
Die Held*innen des Alltags : unsichtbar.

Lock­down Minia­tur #3

S. feiert ihren Geburtstag allein.
Die Tulpen auf ihrem Tisch,
so erzählt sie mir am Telefon,
sind vom Supermarkt.
Man hat sie ihr am Morgen
vorbeigebracht,
ebenso wie die
zwei Schokoküchlein
aus der Bäckerei.

S. sagt,
sie hätte immer schon gern
im Juni gefeiert.
Oder im Juli.
Dieses Jahr wird sie es endlich tun.

Lock­down Minia­tur #2

Den Vögeln ist unsere Krise egal.
In den Bäumen zwitschert es,
in meinem Laptop entsteht ein
neues Buch.

Ich will keine Lebensretterin sein.
Ich will die sein, die freiwillig
zu Hause bleibt, 
die lieber liest statt tanzt.
die lieber schreibt statt feiert.

Ich will die Ausnahme bleiben,
eine, über die andere
die Köpfe schütteln.

Der Unterschied
existiert nur im Kopf
und ist doch ein großer.

Lock­down Minia­tur #1

Rentner sonnen sich
auf Parkbänken
und rechtfertigen sich.

Auf Facebook kursieren Wut-Videos.
Menschen, die sie ihr Haus verlassen.
werden des zukünftigen Mordes
angeklagt.

Indes versammeln sich
unter uns die Nachbarn 
zum Grillen.
Ich schließe meine Balkontür
ich mag den Geruch 
ihres Grillanzünders nicht

Unsere Nachbarn 
versammeln sich zu oft
Jetzt böte sich die Gelegenheit: 
Ich könnte meine Nachbarn 
verpetzen